Kolumne: Was darf Kunst?
Wir müssen verhindern, dass das Vorgehen gegen unliebsame Kulturschaffende auch bei uns in Deutschland Fuß fasst.
Einer der bedeutendsten Philosophen und Soziologen unserer Zeit ist von uns gegangen. Vor einer Woche ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben. Sein Werk und seine theoretischen Erkenntnisse aber bleiben. Im Zentrum seines Schaffens standen für Habermas Sprache und Verständigung. Erst Worte ermöglichen ein soziales Miteinander. Worte, die ohne Vorurteile und festgefahrene Meinungen ausgetauscht werden sollen, um gemeinsam das beste Argument zu finden. "Lesen gefährdet die Dummheit" - dieser Titel einer Sammelbandreihe bringt es auf den Punkt. Wer offen für Neues ist, kann ganze Welten entdecken, neue Ideen aufnehmen und das eigene Denken anregen. Und das alles allein durch die Kraft der Worte.
Um Worte geht es auch bei der Leipziger Buchmesse, die an diesem Wochenende stattgefunden hat. Aber wie das diesjährige Motto "Wo Geschichten uns verbinden" schon andeutet, geht es um mehr als nur um Worte. Es geht darum, wie Sprache verbinden kann, wie Bücher Grenzen und Schranken überwinden, wie wir durch Austausch unser Leben bestmöglich gemeinsam einrichten können. Wie jedes Jahr hätte in Leipzig auch der Deutsche Buchhandlungspreis verliehen werden sollen. Ein Preis, der kleine Buchhandlungen ehren soll, die sich besonders für das kulturelle Leben vor Ort einsetzen. Ein Preis, vergeben von einer unabhängigen Jury. Doch in diesem Jahr war alles anders. Wolfram Weimer, CDU-Kulturstaatsminister und ehemaliger Chefredakteur von Welt und Cicero, strich nachträglich drei linke Buchhandlungen von der Liste der Preisträger, aufgrund vermeintlicher "verfassungsschutzrelevanter Informationen". Nachdem die Kritik an dieser Entscheidung allzu groß geworden war, sagte Weimer die Preisverleihung schließlich komplett ab.
Habermas’ Theorie der deliberativen Demokratie setzt eine Gelingensbedingung voraus: Der Diskurs muss herrschaftsfrei und offen sein. Niemand darf von vornherein aus dem Verständigungsprozess ausgeschlossen werden. Der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ duldet keine Drohung oder Unterdrückung. Weimer selbst hat sich bei der Eröffnung der Buchmesse auf Habermas bezogen - und widerspricht mit seiner Entscheidung doch allen Prinzipien des Philosophen. Wenn Buchhandlungen Angst haben müssen, ihre politischen Ideale offen zu zeigen, weil sie sonst dringend benötigte Fördermittel nicht bekommen, dann ist das Reich der Freiheit in weite Ferne gerückt. Der Eingriff in die Preisverleihung ist eine Form des Kulturkampfes. Ein Kulturkampf, der darauf abzielt, Künstler:innen, Verlage oder eben Buchhandlungen einzuschüchtern und auf Linie zu bringen.
In anderen Ländern sehen wir aktuell, wohin das führt. Unter Trump haben die USA den Kurs in Richtung Gleichschaltung eingeschlagen, unter Orban ist dies in Ungarn schon länger der Fall.
Wir müssen verhindern, dass dieses Vorgehen gegen unliebsame Kulturschaffende auch bei uns in Deutschland Fuß fasst. Nur wenn wir erlauben, dass Kunst unbequem sein muss, kann Sprache ihre wahre Aufgabe wahrnehmen: den Weg für neue Ideen zu ebnen und Menschen zu verbinden.