Ich bin auf dem Rückweg vom Flughafen Luxemburg. Die Strecke kenne ich auswendig, meine Gedanken sind schon längst beim Abendessen. Doch plötzlich: Stillstand.
Hoffentlich kein Unfall, denke ich mir. Nach 20 Minuten sehe ich es, das Grenzhäuschen mitten auf der Autobahn. Grenzkontrollen. Zwei junge Bundespolizisten kontrollieren stichprobenartig Autos. Stopp and Go. Und auf luxemburgischer Seite? Nichts. Keine Kontrollen, keine Beamten. Nur offene Grenze.
Ich muss gestehen, ich vergesse immer wieder, dass wir seit nunmehr neun Monaten Grenzkontrollen zu unseren luxemburgischen und französischen Nachbarn haben. Für mich sind sie lästig. Und für die vielen anderen, mit denen ich gesprochen habe, die täglich über die Grenze zum Einkaufen oder für Restaurantbesuche fahren, sind sie es auch. Aber ich kenn mindestens genauso viele, die täglich über die Grenzen fahren müssen, um zur Arbeit zu kommen. Für sie sind die Grenzkontrollen nicht nur lästig, sie sind ärgerlich, rauben Zeit und führen zu Frust. Wenn das Leben in der Grenzregion sich plötzlich wie ein Nachteil anfühlt. Dabei ist es doch gerade das Wunderbare hier, grenzenlos in der Verschiedenheit zusammengewachsen zu sein.
Denn genau diese Offenheit zwischen den einzelnen Staaten war und ist eine Bereicherung für die Kultur und das Leben. Mal schnell Baguette und Käse aus Sarreguemines holen, nach Esch ins Konzert in der Rockhal, das gehört zum Leben in der Großregion dazu. Diese Offenheit war lange Zeit ein zentraler Baustein des europäischen Projekts, stellvertretend für die Ideale von Völkerverständigung, Freiheit und Toleranz.
Aber diese Ideale bröckeln in diesen Tagen zunehmend. Im September 2024 wurden flächendeckende Kontrollen an allen deutschen Außengrenzen eingeführt, die auch das Saarland und den Alltag der Menschen in unserem Bundesland beeinflussen. Die kurze Autofahrt nach Frankreich, um Baguette zu kaufen oder zur Arbeit zu pendeln, wird durch die Grenzkontrollen und die dadurch ausgelösten Staus immer länger. Und: Grenzen werden wieder deutlicher, nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Köpfen.
Der Europatag am 9. Mai steht in diesem Jahr unter keinem guten Stern. Immer weiter greift der Rechtspopulismus in Europa um sich, egal ob in Rumänien, Ungarn oder Österreich. Auch in Deutschland wird mit der AfD eine Partei in den Umfragen immer stärker, die nicht nur gesichert rechtsextremistisch ist, sondern mit ihren Forderungen nach dem Austritt aus der EU und dem Euro auch die europäischen Werte mit Füßen tritt.
Gerade in Zeiten, in denen Trump mit dem Ausstieg aus der NATO und damit einem Ende der amerikanischen Sicherheitsgarantie für Europa droht und in denen Putin schon längst ein Auge auf Länder westlich der Ukraine geworfen hat, ist es umso wichtiger, dass wir uns zurückbesinnen auf das, weshalb die Europäische Union ins Leben gerufen wurde. Damals wusste man, wie zerstörerisch es war, wenn Grenzen zwischen den Ländern nicht nur politisch, sondern auch menschlich unüberwindbar wurden. Was würden diejenigen denken, die damals für offene Grenzen gekämpft haben, heute zu den aktuellen Grenzkontrollen sagen? Was würden diejenigen, die von einem Europa des Friedens träumten, über die scharfen Trennungen und die steigenden nationalistischen Tendenzen denken?